Dieter Althaus im „Focus” – "Ich bin sehr glücklich"

Nach seinem Skiunfall verlor er alles: Amt, Macht, Einfluss. Das Lebensdrama bedeutete für Ex-Ministerpräsident Dieter Althaus eine Zäsur. Nun startet er neu - als Manager
 
Der Mann, der mal ein berühmter Politiker war und dann Deutschlands bekanntester Skifahrer, sitzt jetzt in einem Gewerbepark. Am Rande von Wolfsburg, zwischen OBI, Media Markt und Dänischem Bettenlager.

Er arbeitet in einem zweistöckigen Haus mit Aluminiumfassade im Wellblech-Design, direkt über einer mongolischen Grillküche. Gemessen an seinem früheren im Barockstil gehaltenen Amtssitz, wirkt das neue Büro ärmlich. Es ist kaum größer als ein Wartezimmer beim Zahnarzt und noch weniger einladend: Gipskartonwände mit schlecht verspachtelten Stößen, weiße Raufasertapete, in die Kassettendecke versenkte Neonröhren, zwei Topfpflanzen. Das Türschild macht immerhin was her:
"Magna International Europe. Vice President Sales VW Group. Dieter Althaus". Ein Büro müsse "nicht schön sein", sagt Thüringens Ministerpräsident a. D., es müsse "der Aufgabe dienen". Mit solchen Sätzen versucht der Ex-Regent dem Eindruck entgegenzutreten, in der Tristesse des Arbeitszimmers manifestiere sich sein Abstieg ins berufliche Mittelmaß. Er spricht lieber von "neuen Aufgaben" und von "großen Herausforderungen". Zwei Jahrzehnte, bis zu dem furchtbaren Skiunfall am  Neujahrstag 2009, drehte sich sein Leben mehr oder weniger um eines: Politik. Der von ihm verschuldete Tod einer Frau riss Althaus in eine tiefe Krise und markierte zugleich das Ende seiner Karriere. Er beschloss, noch einmal ganz von vorn anzufangen. "Ich lerne jeden Tag dazu", sagt er. "Und ich fühle mich dabei sehr wohl." Seit Februar 2010 steht der 52-Jährige auf der Gehaltsliste von Magna, einem der weltweit größten Zulieferer für die Automobilbranche. Das kanadischösterreichische Unternehmen, Jahresumsatz zuletzt 17 Milliarden US-Dollar, beschäftigt mehr als 70 000 Mitarbeiter in 25 Ländern. Der neue Vizepräsident soll die Beziehungen zum Großkunden Volkswagen ausbauen. Obendrein erwarten sich die Konzernlenker von dem als bestens vernetzt geltenden Kollegen, dass er lukrative Aufträge an Land zieht. Wer den ehrgeizigen und preußisch disziplinierten Althaus kennt, weiß, dass er seine neue Rolle nicht einfach annimmt: Er lebt sie. Schon in seiner E-Mail-Antwort auf die FOCUS-Bitte um ein Interview lässt er ungefragt wissen: "Die Automotive-Branche hat in den nächsten Jahren eine beachtliche Wachstumsperspektive und große Aufgaben zu lösen. Wir sind als Magna entscheidend dabei."
Bis vor wenigen Monaten durfte sich Althaus qua Amt als jemand fühlen, zu dem andere aufschauen. Nun muss er sich einen Platz auf Augenhöhe mit gestandenen Top-Managern erarbeiten.
Wenn er in Kanada oder in den USA mit Kollegen und Partnern über die Märkte der Zukunft spricht, nützt es ihm wenig, einer der mächtigsten deutschen Politiker gewesen zu sein. Er muss beweisen, dass er etwas von Wirtschaft versteht.  Erwartet werden technologisches Verständnis, strategisches Denken, unternehmerisches Handeln. Althaus sieht sich dem Druck gewachsen: "Ich werde bei Magna akzeptiert und bin integriert."
Neuer Job, neuer Wagen, Audi statt BWW Er verantwortet kein eigenes Budget, er darf nicht im Alleingang über Projekte entscheiden. Und doch spürt er "eine sehr große Verantwortung". Er fühlt sich als "Teil eines globalen Teams".
Zwei- bis dreimal in der Woche fährt er vom heimischen Heiligenstadt ins 165 Kilometer entfernte Wolfsburg - im weißen Dienst-Audi Q7, Modell 3.0 TDI quattro, 240 PS. "Ein sehr solides Auto", findet er. Nur die  Baustellen auf der Autobahn trübten den Fahrspaß. "Fast zwei Stunden" habe er heute für die Strecke gebraucht, klagt Althaus. Es soll nicht das einzige Ärgernis bleiben.
Beim Aussteigen bemerkt er, dass er den Laptop vergessen hat. Seine fröhliche, 40 Jahre alte Assistentin, deren Dienste Althaus seit 2001 zu schätzen weiß und die ihm zuletzt in der Erfurter Staatskanzlei zur Hand ging, hilft mit ihrem Computer aus. Bestens präpariert, bestreitet Althaus die morgendliche Telefonkonferenz im großen Besprechungsraum. Thematisch geht es um nichts Geringeres als die Zukunft von Magna, in Asien, in Südamerika, um Marktanteile und neue Projekte.
Den Schwung nimmt der Neumanager mit an seinen Schreibtisch. Er schwärmt von einer "sich rasant entwickelnden Branche", von "technologischen Impulsen", von "fantastischen Zukunftsaussichten" für sein Unternehmen. Seit dem Börsenstart 1962 haben Magna-Aktien kräftig zugelegt, dramatisch an Wert verloren, sich langsam erholt. Momentan oszilliert der Kurs um die 56 Euro, Tendenz steigend. Würde man die Karriere des Dieter Althaus bis zum Stichtag 31. Dezember 2008 in Form eines Aktien-Charts darstellen, ergäbe sich eine steil aufschießende Linie.
1990 wird er in den Thüringer Landtag gewählt, zwei Jahre später zum Kultusminister ernannt, 2003 als Ministerpräsident vereidigt. 15 Jahre nach seinem Eintritt in die CDU steigt Althaus zum Thüringer Parteichef auf und rückt in den Bundesvorstand auf. 2005 holt ihn seine Vertraute, Kanzlerin Angela Merkel, in ihr Kompetenzteam.
Die Aktie Althaus gilt, wie es in der Sprache der Börsianer heißt, als solides Investment. Ein Schwergewicht im Polit-Dax, ein Blue Chip. Am Nachmittag des 1. Januar 2009 fährt der Thüringer eine Skipiste im steirischen Bezirk Liezen (Österreich) herunter und stößt mit einer 41 Jahre alten Frau zusammen. Althaus, der einen Helm trägt, überlebt mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen, er liegt 37 Stunden im künstlichen Koma. Beata Christandl, die keinen Helm aufhat, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Ein Gutachter wird später feststellen, dass der Ministerpräsident den Unfall verschuldet hat. Ein Gericht wird ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilen. Seine Aktie fällt ins Bodenlose.
Über Wochen hinweg weiß niemand, ob er je wieder ein normales Leben führen kann, geschweige denn, ob er in die Politik zurückkehren wird. Nach einer langen Phase der Rekonvaleszenz bäumt Althaus sich noch einmal auf. Er kündigt an, in den Landtagswahlkampf ziehen zu wollen. "Ich trete an", sagt er voller Selbstbewusstsein, das an Selbstüberschätzung grenzt, nach allem, was er angerichtet und durchgemacht hat. Falsche Entscheidungen, späte Reue "Ich bin von meiner Partei, vor allem aber von mir selbst gedrängt worden, alles für meine Genesung und den politischen Wiedereinstieg zu tun", sagt Althaus rückblickend. "Das war damals die Wirklichkeit, wie ich sie wahrgenommen habe." Er sei "hochmotiviert gewesen von der Aussicht auf ein gutes Wahlergebnis". Eine mögliche Niederlage habe er "zum Zeitpunkt" seines "Entschlusses, wieder als Spitzenkandidat anzutreten, nicht einkalkuliert". Althaus: "Heute würde ich sicherlich eine andere Entscheidung treffen." Auch seinen Umgang mit den Medien betrachtet der Christdemokrat im Nachhinein als falsch. Sein erstes Interview  nach dem Skidrama gewährte er der "Bild"-Zeitung - ein Affront gegenüber Journalisten in der thüringischen Heimat. Es sei ihm von engen Vertrauten "so geraten worden", berichtet Althaus.
Nach seiner Abstinenz habe er sich "bundesweit präsentieren" sollen. Althaus spricht von einer "Schlüsselentscheidung", die ihn womöglich Sympathien gekostet hat. "Aber was soll's? Verschüttete Milch bleibt verschüttet."  Die Wahl am 30. August gerät zum Desaster. Die CDU rutscht um knapp zwölf Prozentpunkte auf 31,2 Prozent ab und büßt die absolute Mehrheit ein. Der deklassierte und gedemütigte Althaus zieht die Reißleine. Am 3. September erklärt er seinen Rücktritt als Regierungschef und CDU-Landesvorsitzender - "um die große Koalition in Thüringen zu ermöglichen", wie er später behauptet. Ein paar Wochen hockt er noch griesgrämig in der zweiten Reihe. Dann schmeißt er hin.
Althaus hat viel verloren, für einen Politiker seines Ranges alles: Macht, Einfluss, Popularität. Ob er auch etwas gewonnen hat? Pause. Luft holen. Althaus, weißes Hemd mit kurzen Ärmeln, hellblaue Krawatte, leichte Stoffhose, sportliche Lederschuhe, nippt an seinem mit Apfelschorle gefüllten Glas. "Ich habe meine innere Freiheit zurück", sagt der Vater zweier erwachsener Töchter. Ein Wochenende ohne Termine, ein Abend zu Hause. "Das, was mir oft gefehlt hat, kann ich jetzt nachholen."
Der Skiunfall und der Tod seines Vaters wenige Wochen später seien ihm ein Fingerzeig gewesen, meint Althaus. In der Klinik beginnt er zu grübeln, "warum Gott mich und meine Familie so gestraft hat". Er merkt, wie fragil das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann. Er verliebt sich neu in seine Frau Katharina, mit der er seit 1982 verheiratet ist. Tag und Nacht verbringt sie an seinem Krankenbett. Er verspricht ihr, künftig kürzerzutreten, sich Zeit für die Familie zu nehmen und sich selbst nicht mehr so wichtig.
Die Extremerfahrungen haben ihn, so scheint es, nachdenklicher gemacht, ernster. Zwar betont er, "im richtigen Moment" auch locker, ausgelassen und fröhlich sein zu können wie zuletzt bei der Hochzeit seiner älteren Tochter Alexandra. Und doch ist mit Händen zu greifen, wie sehr ihn die Gedanken an das Skidrama aufwühlen. Auch jetzt, anderthalb Jahre später. Es gibt Momente in seinem Leben, an die kann er sich nicht erinnern. Und es gibt Momente, die kann er nicht vergessen. Gelöscht sind die Minuten vor und während des Unfalls sowie die folgenden Tage. Das erste Bild, an das Althaus sich erinnert, stammt aus Jena. Er liegt im Krankenhaus, wacht auf und sieht die über ihn gebeugten Ärzte. Seine Frau erklärt ihm, was passiert ist. Er erschrickt. Später, in der Allensbacher Klinik, besucht ihn Robert Zollitsch. Der Erzbischof sitzt im Sessel. Althaus, fahl im Gesicht und wegen der geschwundenen Muskelmasse schmal, kauert auf dem Sofa. Der Geistliche aus Freiburg und der Katholik aus dem Eichsfeld reden eine Stunde miteinander. Über Tod und Verantwortung, Schuld und Vergebung. "Es war sehr bewegend", erinnert sich Althaus. Zollitsch habe ihm ermöglicht, "die Seele zu spiegeln", und das Gefühl vermittelt, "dass es gut weitergehen wird mit mir".
Es fehle ihm an nichts, sagt Althaus heute. Der 7er-BMW mit Chauffeur, die Personenschützer, die Empfänge, die Accessoires der Macht, alles unwichtig plötzlich. "Ich bin sehr glücklich mit meinem neuen Leben." Althaus erklärt sich für vollständig gesund, geistig wie körperlich, sein Kampfgewicht von 77 Kilogramm habe er "fast wieder drauf". Keine Medikamente mehr, keine Therapie, "alles bestens". Althaus spielt wieder Fußball. Um harten Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen, gibt er seine Stammposition als Verteidiger auf. "Ich agiere jetzt mehr im Mittelfeld oder im Sturm." Seit Jahren spielt der Freizeitkicker in dem nach ihm benannten Team Althaus. 1999 trifft die Politikertruppe auf eine Auswahl des Sportgymnasiums Jena. Im Tor steht ein junger Mann, der tolle Paraden zeigt und der es einmal weit
bringen wird. "Ich kannte Robert Enke gut", sagt Althaus. "Wir hatten viel Spaß miteinander." Das Schicksal Enkes, der sich im November 2009, von Depressionen geplagt, vor einen Zug warf, habe ihn "tief erschüttert". Es bestärkt ihn in der Erkenntnis, "dass es im Leben nicht nur darum geht, möglichst weit nach oben zu kommen". Vor gut drei Wochen betritt Dieter Althaus noch einmal die große politische Bühne. Die Thüringer CDU schickt ihn als Wahlmann nach Berlin. Er soll Christian Wulff, seinen einstigen Weggefährten, ins Amt des Bundespräsidenten verhelfen. Am Vorabend laden Kanzlerin Merkel und CSU-Chef Seehofer zu einem Empfang. Althaus fühlt sich wohl. "Es war wie die Rückkehr in eine mir gut vertraute Welt." Für ein paar Stunden könnte er sich der Illusion hingeben, er gehörte dieser Welt noch an. Er bleibt Realist: "Ich schaue dankbar auf meine Karriere zurück. Aber ein Comeback in der Politik schließe ich aus." Am Tag der Wahl plaudert Althaus mit Späth, Teufel, Stoiber. Andere, wie Bodo Ramelow von der SED-Nachfolgepartei
oder den SPD-Mann Christoph Matschie, lässt er links stehen. Der eine hatte seinen Wechsel zu Magna als "eklatanten Fall von Lobbykratie" gerügt, der andere ihm vorgeworfen, er habe seinen Skiunfall "für eine schamlose Selbstinszenierung im Wahlkampf" benutzt. Beides weist Althaus, der sich als Regierungschef für den Opel-Verkauf an Magna eingesetzt hatte, zurück. Er habe sich "immer menschlich fair und wahrhaftig verhalten, im Gegensatz zu anderen". Zu vermissen scheint Althaus seinen Politikerjob nicht, obwohl der mit 13 000 Euro brutto gut dotiert war. Die Frage, ob man sich nun um seine materielle Absicherung sorgen  müsse, belustigt den Manager. "Ich bin rundum zufrieden." 

Göran Schattauer