Wie sich Althaus als Vizepräsident in der Wirtschaft schlägt

Vor fast einem Jahr, am 30. August 2009, verlor die CDU die Landtagswahlen in Thüringen. Sie blieb nur an der Macht, weil sie Ministerien und Inhalte opferte - und Dieter Althaus. Besuch bei einem, der neu anfängt.

Wolfsburg. In das neue Leben des Dieter Althaus gelangt man von der Abfahrt Flechtorf der Autobahn 39, vorbei an einem Baumarkt und zwei Autohäusern, hinein in ein kleines Gewerbegebiet. Dort steht ein mit Wellblech verkleideter Zweckbau. Im Erdgeschoss befindet sich das Restaurant "Mongos Garden", das Mittagsbuffet kostet dort mit Getränk 6,90 Euro. An der Glastür zur oberen Etage stehen fünf Großbuchstaben. MAGNA. 

Hinter der Tür beginnt der Flur, mit blauem Teppichboden ausgelegt und von Neonröhren beschienen. Es gibt eine Teeküche, in der sich die Flaschenkästen stapeln, eine Sitzgruppe aus Kunstleder und mehrere Türen. Neben einer befindet sich ein Schild mit der Aufschrift: "Magna International Europe, Vice President Sales VW Group Dieter ALTHAUS."
Aus der Tür kommen zwei Männer in grauen Anzügen, grüßen und verschwinden. Dann erscheint der Vizepräsident und bittet hinein. Die beiden Herren? Ach, Vertreter von einem kleineren Zulieferbetrieb, die einen Auftrag wollten. Dieter Althaus arbeitet auch für einen Zulieferbetrieb, nur ist der etwas größer.
Die Magna International AG fungiert als Dach für den weitverzweigten Konzern, der 74.000 Menschen in 26 Ländern, 240 Werken und 86 Ingenieurzentren beschäftigt und im Jahr 26 Milliarden Euro umsetzt. Der Konzern arbeitet für alle großen Autohersteller, Toyota, GM, Daimler und natürlich Volkswagen. Das heißt, so wie Althaus redet, arbeitet "die Magna-Welt" "für die VW-Welt", und genau dazwischen, in der Mitte, da ist er, und zwar weltweit. Er sagt auch nicht "weltweit", das neue Leben verlangt nach einer neuen Sprache. Er sagt "Global Customer Lead", globale Kundenführung, genauso wie er von "SOP" spricht, wenn er den Start of Production, den Produktionsbeginn meint. Er ist eben ein "Vice President Sales" und nicht einfach nur ein Verkäufer, selbst wenn er, wie jeder Verkäufer, nah am Kunden platziert ist.
Das Gewerbegebiet grenzt an einen Wald, hinter dem Wolfsburg liegt. Und Wolfsburg ist VW. Zwei- bis dreimal die Woche sei er hier, sagt Althaus und guckt über die Brillengläser. Er sitzt hinter einem runden Holztisch in seinem Büro, in dem noch ein Schreibtisch steht und ein paar Grünpflanzen. Im Nachbarbüro telefoniert eine seiner beiden Assistentinnen, die andere betreut das Büro daheim, in Heiligenstadt.
Es ist ein ziemlich weiter Weg von hier nach da, nicht nur weil überall in Niedersachsen an den Autobahnen herum gebaut wird. Vor einem Jahr war er noch Ministerpräsident, und vor zwei Jahren schaute ihn noch niemand merkwürdig an, weil er, wie die verkürzte Fassung einer ziemlich komplizierten Geschichte geht, auf einer Skialm in Österreich eine Frau totgefahren hat.
Doch das ist vorbei, soll vorbei sein. Vorbei dieser fatale Neujahrstag, an den er sich immer noch nicht erinnert. Vorbei die langen Monate in der Klinik, die Rehabilitation, die ständigen Zweifel an seinem Zustand. Vorbei die Qual des Wahlkampfs, die Niederlage, der Rücktritt per E-Mail, die bizarren Presseauf-tritte. Vorbei der Kampf, der am Ende nur noch Krampf war.
Jetzt lebt Althaus in der Magna-Welt. Jetzt berichten ihm jede Woche die Abteilungsleiter für die verschiedenen VW-Marken in einer Schaltkonferenz, wie die Geschäfte laufen. Der Vice President spricht selbstverständlich von "Key Account Managern", die mit ihm "Reporting-Gespräche" führen, über Systemgruppen, Golf 7, Verträge, den Seat 6 ... Später berichtet er dies an den Vorstand weiter.
Und ansonsten? Ansonsten war er gerade in den USA und in Kanada, wo Magna seinen Hauptsitz hat. Ansonsten fliegt er bald nach China, wo es, das hat der Vizepräsident parat, vier VW-Werke "und einen Marktdurchdringungsanteil von vier bis fünf Prozent" gibt.
Ansonsten ist er oft in Aschaffenburg, wo die Deutschlandzentrale sitzt, oder in Österreich, im europäischen Hauptquartier. Manchmal ist er noch in Erfurt, in der Stadt, von der aus er sechs Jahre lang ein Land regierte. Neulich tagten dort die Thüringer Autozulieferer, und Althaus tagte mit. Er kannte fast alle, früher hatte er sie im Flugzeug mitgenommen, nach Moskau, Sofia oder Korea.
Nun saß er da als einer von ihnen, hielt einen Vortrag, präsentierte bunte Grafiken. Später wurde er zu einer Pressekonferenz geschickt, auf der insbesondere der Wirtschaftsminister sprach, ein aus Berlin importierter Großsozialdemokrat, der gerne erzählt, wie er Thüringen mal so richtig aufräumen will. Der Ministerpräsident a. D., an der Seite platziert, schaute ins Nichts, mit diesem leeren Blick, der in den Monaten nach dem Unfall bei ihm so oft aufgefallen war. Dazu wischte seine rechte Hand stetig über jenen linken Arm, der ihm auf dem Skihang brach. Althaus sagte nichts und wurde auch nichts gefragt. Erst als ihn der Verbandschef der Zulieferer dazu aufforderte, redete er, von China und dem "local content", dem Eigenanteil an der Wertschöpfung, der dort bei 90 Prozent liege ...
In Wolfsburg gibt sich Althaus entspannt. Er kann das noch, wenn er die Umstände kontrolliert: locker sein, duzen, lachen. Das Geschäft läuft, Magna macht nach einem miesen Jahr wieder Gewinne, was man als schöne Parallele betrachten kann. Er ist gerade erst 52 geworden, und wo ein Vizepräsident ist, ist irgendwo auch ein Präsident. Oder etwa nicht?
Althaus lächelt fast verlegen. Er sei "zufrieden", sagt er, und "glücklich", diese Frage stelle sich nicht. Dann vielleicht andere? Denken Sie noch oft daran, was auf dem Hang geschah? "Natürlich beschäftigt mich das, in meinen Gedanken und Gebeten. Aber das Faktische ist endgültig abgeschlossen." Warum lassen Sie sich eigentlich nicht psychotherapeutisch behandeln? "Weil das Ereignis nicht in meinem Kopf ist. Ich kann zwar darüber nachdenken, auch darüber, wie die Außenwelt das bewertet. Aber das spielt heute keine Rolle mehr, Gott sei Dank. Da ist gesundheitlich nichts, was mich belastet oder verfolgt."
Treten Sie noch einmal für die CDU-Bundesspitze an? "Definitiv nicht. Ich beende im November die Arbeit in der Bundespartei. Ich kehre auch definitiv nicht zurück." Doch selbst wenn der Abschied endgültig ist: Die Kontakte bleiben, zu Angela Merkel oder Christine Lieberknecht oder David McAllister, den Althaus nur David nennt, und der als neuer Ministerpräsident von Niedersachsen einen Großaktionär von VW repräsentiert. Und es bleibt die Mutmaßung, dass Siegfried Wolf, der Vorstandschef von Magna, ihn wegen dieser Kontakte einstellte, zumal beide seit Jahren befreundet sind - und über den Verkauf von Opel miteinander verhandelten.
Alles Unsinn, sagt Althaus. "Die politischen Kontakte beschränken sich auf 5 bis 6 Prozent." Es komme zwar vor, "dass Magna Interessen hat, die sich mit der politischen Entscheidungsebene verbinden." Dass er da Türen öffne, "also meine Ex-Kollegen auch mal anrufe", sei doch normal. "Wenn ich es nicht machen würde, würde es jemand anders machen."
Althaus mag das Bild nicht, das von ihm, dem Lobbyisten, gezeichnet wird. Lieber ist ihm das Bild, dass er auf seiner Internet-Seite vorzeigt. Dort finden sich alle seine Orden und eine Rangliste der Wirtschaftsbilanzen jener sechs Ministerpräsidenten, die zuletzt der CDU verlustig gingen. Der thüringische steht auf Platz 1.
Der Mittwochabend dieser Woche, die CDU-Landtagsfraktion feiert in der Erfurter Messe ihr 20-jähriges Bestehen. Althaus ist Ehrengast, und er marschiert zu Triumphmusik in den Saal ein, neben Lieberknecht, Bernhard Vogel und David, dem Regierungschef seines Kunden. Er setzt sich in die Mitte der ersten Reihe, neben seine Frau, und jedes Mal, wenn sein Name fällt, brandet Beifall auf. Sein Name fällt oft. Draußen, vor der Messehalle, stehen die Limousinen der Minister und Ministerpräsidenten in langer, schwarz glänzenden Reihe. In ihrer Mitte überragt sie ein riesenhafter, weißer Audi Q7, mit Dreilitermotor, Allradantrieb und 240 PS. Es ist der Dienstwagen des Vizepräsidenten von Magna.

Martin Debes / 28.08.10 / TA