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Dieter Althaus

37308 Heilbad Heiligenstadt

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9. November 1989 - Der Tag, der alles veränderte.

Ein Rückblick von Dieter Althaus

Der 9. November begann für mich im Prinzip wie jeder dieser Tage im Herbst 1989. Aber konnte man in dieser Zeit, in der die Spannung der aktuellen Entwicklungen fast mit den Händen zu greifen war, überhaupt von „normalen“ Tagen sprechen? Ich war zunächst – wie jeden Tag – auf dem Weg zu meiner Arbeit in das südeichsfeldische Geismar, um als Lehrer für Physik und Mathematik meine Schüler zu unterrichten.

Dennoch fing dieser Tag ungewöhnlich an. Denn bevor ich zur Arbeit fuhr, warf ich noch schnell einen Brief in den nächstgelegenen Briefkasten am Brückenweg in Heiligenstadt ein. In diesem Brief teilte ich dem Jugendweiheausschuss des Bezirkes Erfurt meinen Austritt aus diesem Gremium mit. Ich forderte zugleich, die Jugendweihe künftig aus der Schule zu verbannen. Damit wollte ich erreichen, dass die Schule endlich von ideologischem Zwang und aus der weltanschaulichen Umklammerung des Staates befreit werden konnte – eine Forderung, die auch schon auf vielen Demonstrationen zu hören und in Papieren dieser Zeit als Forderung zu lesen war. Wie ich noch heute finde, war dies zu dem damaligen Zeitpunkt ein mutiger Schritt eines noch jungen Lehrers.

Der Schuldienst an diesem Tag verlief dann ohne weitere Vorkommnisse. Am Nachmittag machte ich mich mit dem Schulbus und vielen meiner Schüler von der POS wieder auf den Weg nach Hause. Zuhause konnte ich mich zunächst über die Zeitung und das „Westfernsehen“ über die aktuellen Entwicklungen informieren. Meine Frau und ich spürten – wie so viele unserer Freunde und Bekannte in diesen Tagen, dass Veränderungen in der Luft lagen. Aber wie schnell sich die Dinge tatsächlich entwickeln sollten, konnte ich am Nachmittag und frühen Abend des 9. November noch nicht ansatzweise ahnen. Dann am Abend wurde im Fernsehen die denkwürdige Pressekonferenz mit Günter Schabowski übertragen. Auf die Nachfrage eines italienischen Journalisten, wann denn die neue Reiseregelung in Kraft träte, grübelte er ein wenig, blätterte in seinen Unterlagen und glaubte zu wissen, dass die Regelung mit sofortiger Wirkung in Kraft tritt. Ein bis heute legendärer Auftritt.

Ich gebe es aber gern zu, dass wir vor dem Fernseher nicht gleich verstanden, was diese neue Regelung nun konkret zu bedeuten hatte. Wir sind an diesem Abend auch zuhause geblieben. Dass sich bereits wenige Stunden nach Bekanntgabe der neuen Reiseregelung lange Schlangen von Autos und größere Menschenansammlungen an den Grenzübergangsstellen bildeten, erlebten wir mit Begeisterung am Fernseher. Mir und meiner Frau war nun sofort klar, was da eigentlich passiert war. Diese Grenzöffnung würde das schnelle Ende der DDR bedeuten und nun gab es eine ganz klare Richtung für unsere Demonstrationen: „Wir sind ein Volk.“ Viele Schüler wollten und haben mit ihren Eltern an den nächsten Tagen die Reisefreiheit genutzt, gerade bei uns im Eichsfeld.

Bevor ich mit meiner Frau und den noch kleinen Kindern am 11. November nach Duderstadt gefahren bin, wollte ich meiner Familie die unerträglichen, menschenverachtenden Grenzanlagen zeigen. Denn der Abbau der Grenzanlagen würde nun zügig erfolgen. Deshalb setzten wir uns in den Trabant und fuhren am 10. November nach Lindewerra, an die dortige Grenze.

Da ich ja jeden Tag im Grenzgebiet als Lehrer tätig war, kannte ich die schrecklichen Grenzanlagen. Ich wollte meiner Familie diese monströse Grenze direkt und unmittelbar zeigen, damit ihnen klar wird, welch’ verbrecherisches Regime der SED-Staat ist. Ein Staat, der seinen Bürgern die Freiheit vorenthielt und sie gewissermaßen zu ihrem Glück zwingen wollte, konnte kein guter Staat sein. Und nichts symbolisierte dies mehr, als diese verbrecherische Grenze, die unser Vaterland gut 30 Jahre durchschnitt. Diesen Eindruck wollte ich meiner Familie vermitteln; Lindewerra – ein Dorf fast eingeschlossen von Grenzzaun und Stacheldraht und mit einer zerstörten Werrabrücke, die Hessen und Thüringen einst verband und heute wieder verbindet.

Insoweit war der 9. November für mich ein im besten Sinn unnormal normaler Tag. Aber diese beiden Ereignisse, mein „Jugendweihebrief“ vom Vormittag und die Grenzöffnung am Abend, sind tief in meinem Gedächtnis verhaftet. Der 9. November 1989 zählt für mich zu den glücklichsten und schönsten Tagen in meinem Leben und im Leben der meisten Deutschen. Es lohnt sich – gerade im zwanzigsten Jahr der Friedlichen Revolution – wieder darüber nachzudenken, welche Bedeutung Freiheit für uns hat.

Freiheit ist immer mit vielen Anstrengungen und Mühen verbunden, aber auch mit allen individuellen Chancen auf ein erfülltes und glückliches Leben, welches eben nur die Freiheit garantieren kann. Deshalb sollten wir uns immer wieder den Wert der Freiheit bewusst machen und dankbar auf das Erreichte in zwanzig Jahren Deutsche Einheit zurückblicken. Für mich habe ich die Chance der Freiheit genutzt und mich für einen Weg in der Politik entschieden. Ich bin dankbar, was ich in den vergangenen Jahren für Thüringen mit gestalten und erreichen durfte. Deshalb blicken meine Familie und ich am 9. November 2009 dankbar zurück und mit voller Zuversicht und Gottvertrauen in die Zukunft.

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