10.12.2009

Ode an eine Thüringer Legende

Zwei Thüringer unter sich: Ex-Ministerpräsident Dieter Althaus und SUPERillu-Chefreporter Hannes Hofmann wählten für ihr lange geplantes Gespräch zum Jahresabschluss einen sehr ungewöhnlichen Rahmen: Sie trafen sich in der Thüringer Wirtschaft »Norddeutscher Bund« in Heiligenstadt und drehten gemeinsam Klöße.

Für Dieter Althaus, der gesundheitlich wieder wohlauf ist und der sehr auf seine Thüringer Wurzeln hält, ist vorweihnachtliches Kochen eine schöne Tradition. Denn, so sagte er einmal in einem Interview: „In der Heimat finde ich die Kraft, die es braucht, um den Fährnissen des Lebens zu trotzen.“

Damit war die Einladung zu einem Gespräch über Schicksal, Politik, Gott und die Welt beim gemeinsamen Klößedrehen für den einstigen Ministerpräsidenten von Thüringen genau das Richtige. Lesen Sie selbst:

Dieter Althaus: „Als respektlos habe ich das jedenfalls nicht empfunden. So nach dem Motto: Nun ist er nicht mehr Ministerpräsident, nun kann man ihm auch so einen Küchen-Antrag machen. Ganz und gar nicht. Erstens bin ich mit ganzer Seele Thüringer und für uns sind Bratwurst und Klöße mehr als nur eine recht und schlecht zusammen gerührte Masse. Dazu braucht es Erfahrung, Geschmack, Geschick und Jahrhunderte lange Tradition. Da gibt es in einigen Regionen Streit, wenn es um die Frage geht, wer die besten Klöße macht. Nicht umsonst gibt es sogar eine Initiative, den Thüringer Kloß durch Aufnahme in die Kategorie nationaler Kulturgüter zu adeln. Die Idee hat Witz, macht uns überregional noch bekannter, und das finde ich gut – als Thüringer und als Politiker. Im Übrigen wird man bei so einer Küchenarbeit immer mal wieder kräftig geerdet. Mich erinnert das immer an meine Kinderzeit. Bei uns wurde das Klößemachen richtig gehend zelebriert – Kartoffeln reiben, die Masse kräftig in einem Leinensack auspressen, die Stärke aus der Schüssel mit dem abgestandenen Kloßwasser herauskratzen, die Reste der Semmelbrösel stiebitzen ... Bis der Sonntagsbraten dann auf dem Tisch stand, hatte die ganze Familie zu tun. Alle waren in der Küche beisammen und wir haben ohne Ende über unsere Freuden, unsere Sorgen und die Nöte des Alltags geschwätzt.“

SUPERillu: „Wäre das nicht mal so eine Botschaft an Ihre Amtsnachfolgerin: Vor konträren Fraktionsdebatten die erhitzten Protagonisten einfach friedlich an der Kloßschüssel versammeln?“)$

Althaus: „Ach, wenn Politik doch wenigstens manchmal so freundlich-fröhlich funktionierte! Es gäbe da möglicherweise manche Debatte nicht, die nur aus macht- und parteipolitischen Erwägungen heraus und damit vielmals am Wähler vorbei geführt wird...“

SUPERillu: „Klingt ein wenig missmutig...“

Althaus: „Nein. Aber ich bin kein Traumtänzer und kenne das politische Geschäft mit allen Höhen und Tiefen seit der Wende. Als ich mich damals in der Nachrevolutionszeit entschloss mein sicheres Amt im Schulamt aufzugeben, um für meine Partei in die Landespolitik zu gehen, musste ich sehr schnell erkennen, mit welch harten Bandagen oft hinter den Parlamentskulissen um Mehrheiten gerungen wird. Aber in der Politik zu gestalten macht letztlich große Freude. Da ist für so ein friedliches Kloßbild wenig Platz...

SUPERillu: „Das Jahr 2009 hast Ihnen von Beginn an wenig Gutes beschert. Nun kann man nach solchen Erlebnissen und Erfahrungen im Selbstmitleid ersticken, sich völlig ins Private, zum Beispiel an den familiären Kloßkochtopf zurückziehen oder sich neu ins Leben hinein aufmachen. Wie ist ihr Plan?

Althaus: „Ich mache weiter. Auch weiter Politik. Als ich mich, wie schon gesagt, nach 1990 entschieden habe, mein Heimatland aktiv als Politiker mitzugestalten, war das eine einmalige Chance. Meine Karriere war nicht absehbar und damit eine typische Ostkarriere – in diesem Tempo in Westparteien zur damaligen Zeit nicht denkbar: Da wurde ich vom Wirbelsturm der Ereignisse aus der inneren Verzagtheit und dem Ärger über die diktatorisch-verkrusteten Strukturen der DDR in die Politik hineingewirbelt und plötzlich war ich Landespolitiker: Abgeordneter, dann Minister, Fraktionsvorsitzender, später sogar Ministerpräsident. Nun konnte, nein durfte ich ganz aktiv mitgestalten. Und ich musste schnell lernen, wie viel Argumentationskraft es bisweilen braucht, für gute Ideen und eigene Überzeugungen Mehrheiten zu gewinnen. Ich habe meine Arbeit im Parlament als Abgeordneter gern gemacht und deshalb mache ich sie auch weiter. Allerdings im Moment in keinem der vielen Ausschüsse. Als ehemaliger Ministerpräsident sollte man den anderen Kollegen zur Seite stehen, und ich werde viel im Land und darüber hinaus angefragt. Schauen wir mal, was die Zeit so bringen wird - ich halte mich für vieles offen...“

SUPERillu „Nun ist es etwas anderes, Landespolitik aus der Position eines Ministerpräsidenten zu machen und damit, gewissermaßen wie ein Kapitän Kurs zu weisen oder aus der Position eines Abgeordneten. Die Stammtischvokabel dafür ist Machtverlust. Wie gehen Sie damit um?“

Althaus: „Nun wer sagt, dass nehme ich ganz locker und ganz sportlich, dem glaube ich nicht. Natürlich gibt es Anfangs – ich nenne es mal flapsig Entzugserscheinungen. Da sind dann von einem Tag auf den anderen nicht mehr die vielen Telefonate, in denen man oft blitzschnell eine Entscheidung treffen muss. Da fehlen dann die aufbereiteten Nachrichten, die buchstäblich neben dem Frühstückskaffeegedeck liegen und trotzdem gibt es auch viele neue Möglichkeiten, Gespräche mit Investoren, Wissenschaftlern und vielen weiteren. Das heißt, es fehlt in den ersten Tagen etwas, aber es ergeben sich auch neue Chancen. Aber Polizeibegleitung und Ähnliches das sind Insignien, die mir nie wichtig waren. Die Leute hier in meinem Heimatort Heiligenstadt können das bestätigen. Hier war und bin ich der Dieter Althaus, mit dem sie zur Schule gegangen sind, deren Kinder bei ihm in die Schule gegangen sind, mit dem sie Sport treiben oder der sich von Kindheit an in der Kirchengemeinde engagiert hat.“

Und diese Bodenständigkeit ist es auch, aus der Dieter Althaus in diesem Jahr 2009, das für ihn zum Schicksalsjahr wurde, immer wieder Kraft schöpfte. Denn Heimatliebe ist für ihn mehr als nur eine inhaltsleere Phrase – mal eben schnell dahingesagt aus politischem Kalkül.

Und so kam dem bekennenden Thüringer die Gelegenheit ganz recht, während des Gesprächs auch gleich mal ein wenig Werbung zu machen – für ein Stück Thüringer Kultur, das weit über seine Grenzen hinaus ein Markenzeichen des Landes ist, das sich auch gern als das grüne Herz Deutschlands betitelt: Den Kloß.