Das wird mich ein Leben lang begleiten

Wie Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus die Last der Schuld erlebt, und wie er seine Rückkehr ins Amt angeht. Ein Gespräch mit Focus Nachrichtenmagazin, erschienen in Nr. 18/2009  (27.04.2009)

FOCUS: Als Sie vor der Rückkehr in die Politik über Ihren Skiunfall und den von Ihnen verursachten Tod einer Frau sprachen, sagten Sie, Schuld sei dafür „nicht die richtige Kategorie“. Mittlerweile sprechen Sie von Schuld. Was ist da bei Ihnen passiert?

Althaus: Ich konnte mich erst in den letzten Wochen damit intensiv befassen. Ich hatte das Gutachten über den Unfallhergang und die Beschuldigungsschrift der Staatsanwaltschaft gelesen. Ich selbst habe ja an den Unfall und die Wochen unmittelbar danach keinerlei Erinnerung. Deshalb habe ich die Formulierung gewählt, dass ich das, was dort steht, akzeptiere und auch die Schuld annehme.

FOCUS: Gutachten, Beschuldigungsschrift, das klingt alles sehr abstrakt. Wie gehen Sie ganz persönlich mit dem Begriff Schuld um?

Althaus: Ich weiß nach diesem Unfall noch sehr viel besser, wie zerbrechlich das Leben ist, wie eng das Leben und das Zerbrechen des Lebens beieinander liegen. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Und ich weiß, wie schwer dieser Unfalltag und seine Folgen für die Familie Christandl waren: für Herrn Christandl der Tod der Ehefrau, für das Kind, den kleinen Sohn, der Verlust der geliebten Mutter. Das sind Erfahrungen, die mich sehr bedrücken. Ich bin natürlich darauf angewiesen, dass die juristische Frage geklärt ist, aber ich bin genauso darauf angewiesen, dass ich Vergebung erfahre.

FOCUS:
Haben Sie das Gefühl, Herr Christandl habe Ihnen vergeben?

Althaus: Ja, er hat mir und meiner Frau gegenüber eine ganz klare, faire und nachvollziehbare Formulierung gebraucht. Meine Frau hatte an der Beerdigungsfeier für Beata Christandl teilgenommen und mir davon berichtet, aber ich war durch meine starke gesundheitliche Einschränkung durch das Schädel-Hirn-Trauma überhaupt nicht in der Lage, das alles zu erfassen, geschweige denn zu verarbeiten. Das ist jetzt anders.

FOCUS: Was bewegt Sie jetzt, vor allem wenn Sie an das Kind der toten Mutter denken?

Althaus: Es geht mir um einen fairen Ausgleich, der für das Kind eine gute Zukunft möglich macht. Die zivilrechtliche Regelung ist eine Sache zwischen der Familie Christandl und meiner Versicherung.

FOCUS: Über das Formale hinaus: Haben Sie Kontakt zu Herrn Christandl gesucht?

Althaus: Ich habe ihm geschrieben. Er hat mir auch sofort geantwortet. Ich habe ihm inzwischen erneut geschrieben.

FOCUS: Welche Worte haben Sie gefunden? Althaus: Ich habe geschrieben, dass ich mit meinem Mitleid, meiner Trauer, aber auch meinem täglichen Gebet bei ihm, bei seinem Kind und seiner verstorbenen Frau bin. Ich möchte aber weiter diesen privaten, persönlichen Kontakt nicht in die Öffentlichkeit tragen.

FOCUS: Wie muss man sich Ihren tagtäglichen Umgang mit der Tragödie vorstellen?

Althaus: Ich bin bekennender Katholik. Es ist für mich eine ganz wichtige Normalität, dass mein Tag beginnt und auch endet mit dem Gebet. Da wird der Umgang mit Schuld immer reflektiert. Das ist auch wichtig für mein seelisches Gleichgewicht.

FOCUS: Mit Blick auf das Gerichtsverfahren gegen Sie wurde Ihnen gelegentlich ein Promi-Bonus unterstellt

Althaus: Ich habe Verständnis, dass ich als öffentliche Person auch hier stärker beobachtet und gemessen werde als andere. Die manchmal versteckt formulierten Vorwürfe, es sei auf das Gerichtsverfahren Einfluss genommen worden, sind unsinnig. Warum auch? Als ich dazu in der Lage war, habe ich von der ersten Minute an mit meiner Frau entschieden, dass ich alles, was von der Staatsanwaltschaft vorgelegt wurde, akzeptiere. Das hat sicher auch zur zügigen Abarbeitung beigetragen.

FOCUS:
Sie hatten anfangs Probleme zu sprechen, zu lesen, sich zu konzentrieren. Kamen nie Zweifel auf, ob Sie überhaupt die Rückkehr als Regierungschef schaffen würden?

Althaus: Die Angst ist dem Kampfeswillen gewichen. Was für mich in dieser ganzen Phase sehr wichtig war, war mein starker Wille, wieder in die politische Verantwortung zu gehen. Ich habe mit großem Enthusiasmus gearbeitet. Ich habe alles getan, was ich konnte, um wieder zurück ins Amt zu kommen.

FOCUS: Dürfen Politiker nie Schwäche zeigen?

Althaus: Menschen dürfen nicht nur Schwächen zeigen, sie müssen es auch. Erst das macht sie zu Menschen. Und auch Politiker sind - bei allen besonderen Anforderungen an ihre Person - Menschen.

FOCUS: Würden Sie Ihre Krankenakten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen?

Althaus: Die Ärzte haben in jeder Phase Rede und Antwort gestanden, wie es um meine Gesundheit bestellt ist. Da ich in öffentlicher Verantwortung stehe, hat die Öffentlichkeit ein Recht zu erfahren, wie meine Konstitution ist. Ich bin fit und habe nichts zu verbergen.

FOCUS: Hatten Sie während der Klinikaufenthalte Kontakt mit Angela Merkel?

Althaus:
Selbstverständlich. Sie hat sofort nach dem Unglück meine Frau angerufen. Wir haben seither mehrfach telefoniert.

FOCUS: Kommen wir zu politischen Themen: Die CDU steht insgesamt im Osten schlecht da. Angela Merkel setzt auf Ihren Erfolg in Thüringen. Empfinden Sie das als Druck?

Althaus: Das ist kein Druck, sondern Rückenwind. Angela Merkel weiß, dass wir hart arbeiten, damit es in Thüringen eine Fortsetzung der klaren CDU-Regierungsmehrheit gibt.

FOCUS: Wie soll die CDU bundesweit auf die Finanzkrise reagieren? 2005 entging sie mit einem harten, ehrlichen Wahlkampf knapp dem Fiasko. Wollen Sie den Wählern nun schöne Illusionen bieten?

Althaus: Die Menschen wissen, dass Illusionen, falsche Verheißungen und Vertrösten auf morgen in dieser Krise nicht weiterhelfen. Niemand glaubt, dass die Politik im Handumdrehen alles besser macht. Deshalb sollten wir keine leeren Versprechen machen. 

FOCUS: ... wie Steuersenkungen?

Althaus: Es verbietet sich jetzt, simple Steuersenkungen zu proklamieren. Denn es ist unsere Pflicht, die Staatsfinanzen im Auge zu behalten. Der Staat muss im Moment zusätzliche Aufgaben erfüllen, da kann man nicht einfach Entlastungen verkünden. Ich sehe zurzeit keinen Spielraum für Steuersenkungen. Die SPD will offenbar einen Steuergeschenke-Wahlkampf zu Lasten der höheren Einkommen. Dem sollten wir widerstehen.

FOCUS: Vertrauen Sie noch einem Banker? 

Althaus: Natürlich kenne ich Banker, denen ich noch vertraue. Was mir aber fehlt, ist etwas Bescheidenheit da, wo Fehlentwicklungen zu verzeichnen waren. Die ethisch-moralische Dimension wird manchmal zu leicht ausgeblendet. Vor allem fehlen mir Verantwortungsbeziehungsweise Schuldbekenntnisse der Akteure. Ohne die Übernahme von Verantwortung durch die Manager gelingt die ökonomische Globalisierung nicht. Die Menschen werden die soziale Marktwirtschaft ansonsten als fragwürdig betrachten. Das wäre fatal, denn sie hat sich bewährt und lebt von klaren ordnungspolitischen Regeln und ethisch-moralischer Verantwortung.

FOCUS: Im Wahlkampf könnte Ihr persönliches Schicksal Sachthemen verdrängen. Da könnte es bei Auftritten etwa „Mörder“-Rufe geben. Haben Sie Angst davor?

Althaus: Nein, dann muss ich mich damit auseinandersetzen. Ich würde denjenigen sagen, dass dieser Vorwurf schlicht falsch ist. Auch im Wahlkampf müssen wir bei der Wahrheit bleiben.

FOCUS: Sie denken schon an Wahlkampf. Viele Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma kehren gar nicht mehr in den Job zurück. Ist Ihre rasche Genesung für die Ärzte ein Wunder?

Althaus: Mit dem Wort „Wunder“ halten sich die Ärzte zurück. Für mich selber aber ist es schon ein Wunder. Ich bin dankbar, dass ich mich so gut erholen konnte. Der tiefe Einschnitt in meinem Leben betrifft mich und macht mich betroffen. Das ist etwas, was mich mein Leben lang begleiten wird. 

Interview: Margarete van Ackern/Kayhan Özgenc/Alexander Wendt

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